Warum der Neoliberalismus seine Kritiker seit den 1970ern überdauert hat
Dimitri EigenwilligWarum der Neoliberalismus seine Kritiker seit den 1970ern überdauert hat
Krise der Kritik: Ein neuer Essayband untersucht den komplexen Aufstieg des Neoliberalismus seit den 1970er-Jahren
In der Sammelschrift Krise der Kritik analysieren Wissenschaftler:innen aus verschiedenen Disziplinen, wie sich die Kritik am Kapitalismus entwickelt hat – und warum dessen Gegner oft nur schwer an Boden gewinnen konnten. Sozialwissenschaftler:innen und Historiker:innen diskutieren seit Langem über die Gründe für die globale Vorherrschaft des Neoliberalismus. Manche verweisen auf strukturelle Verschiebungen im Kapitalismus, andere verfolgen die geistigen Wurzeln der marktliberalen Ideologie. Die Herausgeber:innen von Krise der Kritik argumentieren jedoch, dass das Verständnis der Schwächen seiner Kritiker:innen entscheidend ist, um die gesellschaftlichen Umbrüche der letzten fünf Jahrzehnte zu begreifen.
Benjamin Möckel hinterfragt die Vorstellung, die Kritik habe sich sauber von systemischen zu konsumorientierten Anliegen verlagert. Stattdessen verbindet er diesen scheinbaren Wandel mit dem Aufstieg des Neoliberalismus selbst. Wie er zeigt, war konsumbezogene Kritik bereits während des Nachkriegbooms präsent und verschmolz später mit weitergehenden systemischen Kritikpunkten.
Agnes Arndt untersucht, wie der Begriff der "bürgerlichen Gesellschaft" durch das Konzept der "Zivilgesellschaft" abgelöst wurde – und damit neoliberale Reformen legitimierte. Dieses bot ein neues Rahmenwerk für die Umgestaltung von Wirtschaftssystemen. Flemming Falzs Forschung zur britischen Labour Party offenbart, dass marktgetriebene Wohnungsbaupolitiken aus bestehenden Problemen hervorgingen und nicht das Ergebnis eines plötzlichen ideologischen Schwenks waren.
Roman Köster weist auf die Problematik hin, "Neoliberalismus" als pauschalen Sammelbegriff zu verwenden, da dieser oft fragmentierte Realitäten überdeckt. Thorsten Holzhausers Analyse der PDS zeigt, wie Identitätspolitik und keynesianische Wirtschaftspolitik stärkere antikapitalistische Positionen verdrängten. Gleichzeitig verbanden die Proteste von 1968 konsumkritische und systemische Anliegen – ein Beleg dafür, dass beide Strömungen nie vollständig getrennt waren.
Die Essays legen nahe, dass die Hartnäckigkeit des Neoliberalismus auch darauf zurückzuführen ist, wie sich seine Kritiker:innen anpassten – oder eben nicht. Durch eine Neubetrachtung dieser Debatten wirft der Band ein klareres Licht darauf, warum bestimmte Kritikansätze an Einfluss gewannen, während andere in den Hintergrund traten. Die Erkenntnisse widerlegen einfache Erklärungsmuster und lenken den Blick auf tiefere, oft übersehene Spannungen im modernen politischen Denken.






