Streit um Kriminalstatistik: Wie Migration und Sexualdelikte in Deutschland diskutiert werden
Hans-Günther KlappStreit um Kriminalstatistik: Wie Migration und Sexualdelikte in Deutschland diskutiert werden
Eine umstrittene Kriminalitätsstatistik hat in Deutschland eine Debatte über Migration und Sexualstraftaten entfacht. Politiker der AfD teilten Daten, die nahelegen, dass Migranten seit 2015 für einen Anstieg solcher Straftaten verantwortlich seien. Die offiziellen Zahlen jedoch zeichnen ein weitaus komplexeres Bild.
Die Grafik, die ursprünglich im August 2023 von T-Online veröffentlicht wurde, basierte auf der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) Deutschlands. Kritiker werfen ihr jedoch vor, den Einfluss von Migration auf die Kriminalitätsentwicklung verzerrt darzustellen.
Mitte Oktober räumte Bundeskanzler Friedrich Merz ein "Problem" mit der Migration in deutschen Städten ein. Zur gleichen Zeit verbreiteten die AfD-Abgeordneten Florian Machl, Maximilian Krah und Maximilian Kneller gemeinsam mit lokalen Parteimitgliedern eine Grafik, die Migranten mit einem Anstieg von Sexualdelikten in Verbindung brachte. Die Daten stammten aus einem T-Online-Artikel, der auf PKS-Zahlen zurückgriff.
Doch die Grafik zeigte nicht den Anteil der Migranten unter den Tatverdächtigen. Laut Statistischem Bundesamt (Destatis) und Bundeskriminalamt (BKA) machten Ausländer 2015 etwa 25 Prozent der Beschuldigten in Sexualstraftaten aus. Bis 2022 stieg dieser Wert auf 45 bis 50 Prozent – mit einem Höhepunkt 2016 nach dem großen Flüchtlingszuzug. Dennoch lag der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger in diesen Delikten durchgehend zwischen 30 und 50 Prozent.
Der Anstieg der Verdächtigenzahlen seit 2015 ist jedoch maßgeblich auf andere Faktoren zurückzuführen. Verschärfte Sexualstrafgesetze, die 2016 eingeführt wurden, sowie vermehrte Ermittlungen zu Kindesmissbrauchsbildmaterial – oft gemeldet vom US-amerikanischen National Center for Missing and Exploited Children – spielten dabei eine zentrale Rolle. Die Mehrheit der Tatverdächtigen bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung bleibt weiterhin deutsche Staatsbürger.
Die PKS-Daten zeigen zudem, dass männliche Tatverdächtige die weiblichen jedes Jahr deutlich überwiegen. Allerdings geben die Statistiken keine Auskunft über Staatsangehörigkeit, Aufenthaltsstatus oder berücksichtigen nicht die Dunkelfeldkriminalität, sodass das Gesamtbild Lücken aufweist.
Die Diskussion verdeutlicht, wie unterschiedlich Kriminalstatistiken interpretiert werden können. Zwar ist der Anteil ausländischer Tatverdächtiger bei Sexualdelikten gestiegen, doch führen Experten vor allem gesetzliche Änderungen und Meldepraktiken als Hauptgründe an. Die Debatte dauert an, während Behörden die Daten gegen politische Aussagen abwägen.
