Glasfaser oder Kupfer: Warum Deutschlands Netzausbau im Machtkampf steckt
Veronique HänelGlasfaser oder Kupfer: Warum Deutschlands Netzausbau im Machtkampf steckt
Deutschland treibt eines seiner ehrgeizigsten Infrastrukturprojekte voran: den Austausch alter Kupfernetze durch flächendeckende Glasfaseranschlüsse. Die Umstellung soll schnelleres und zuverlässigeres Internet im ganzen Land ermöglichen. Doch die wichtigsten Akteure streiten darüber, wie – und vor allem wann – der Wechsel vollzogen werden soll.
Das Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV) präsentierte im Oktober neue Maßnahmen, um die Transition zu beschleunigen. Der Plan stößt in der Branche auf geteilte Reaktionen. Die Deutsche Telekom, größter Telekommunikationsanbieter des Landes, beharrt darauf, ihr bestehendes Netz sei bereits modern. Das Unternehmen argumentiert, die Glasfaser reiche bis zu den Straßenverteilkästen und biete Geschwindigkeiten von bis zu 250 Mbit/s – erteilte Forderungen nach Zwangsabschaltungen von Kupferleitungen lehnt es ab. Ein zu frühes Abschalten der Kupferinfrastruktur würde wirtschaftliche Schäden verursachen und könnte gegen Verfassungs- sowie EU-Recht verstoßen, warnt die Telekom.
Wettbewerber wie die Verbände Breko und VKU unterstützen hingegen die BMDV-Initiative. Sie kritisieren den bisherigen Ansatz der Bundesnetzagentur als zu zögerlich. Breko geht noch einen Schritt weiter und fordert ein "allgemeines Initiativrecht", um Kupferabschaltungen auszulösen, sobald die Glasfaserabdeckung eine bestimmte Schwelle erreicht – selbst wenn die Telekom widerspricht. Zudem verlangt der Verband Sonderkündigungsrechte, die es Wiederverkäufern ermöglichen sollen, Kunden schneller zu Glasfaseranbietern zu wechseln.
Auch Umweltaspekte spielen in der Debatte eine Rolle. Die Telekom behauptet, eine Abschaltung ihres VDSL-Netzes könnte Nutzer zu Vodafones Koaxialkabeln drängen, die fünfmal mehr Energie verbrauchen als reine Glasfaserverbindungen. Gleichzeitig unterstützt der GdW, der die Wohnungswirtschaft vertritt, zwar den Glasfaserausbau, besteht aber auf Preisregulierungen und eine 24-monatige Übergangsphase vor dem schrittweisen Aus der Kupfertechnik.
Die Interessenlagen könnten kaum unterschiedlicher sein: Telekommunikationsunternehmen pochen auf faire Wettbewerbsregeln, Kommunen fordern Fördermittel für einen zügigen Ausbau, ländliche Regionen bestehen auf gleiche Teilhabe, und Umweltschützer warnen vor den Folgen der Baumaßnahmen. Auch Vertreter der digitalen Wirtschaft betonen, wie entscheidend Hochgeschwindigkeitsnetze für die internationale Wettbewerbsfähigkeit sind.
Der Streit offenbart tiefe Gräben über Deutschlands digitale Zukunft. Während die Telekom Zwangsfristen ablehnt, drängen Konkurrenten auf Tempo. Mit dem BMDV-Vorschlag auf dem Tisch wird sich nun zeigen, wie schnell – und wie gerecht – der Weg zum flächendeckenden Glasfasernetz gelingt.
